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Aktuelles

Überschuldung der Kapitalgesellschaft als handelsrechtlicher und insolvenzrechtlicher Tatbestand

Definition des Überschuldungsbegriffs
Die aktuelle Überschuldungsdefinition galt bereits zu Zeiten der Konkursordnung und wurde durch die Literatur sowie die BGH-Entscheidung vom 13.7.1992 geprägt (der „Dornier-Fall“; BGHZ 119, 201, 214). Nach einer temporären Änderung des Überschuldungs-Begriffs im Rahmen des Inkrafttretens der Insolvenzordnung 1999 wurde der Begriff durch das Finanzmarktstabilisierungsgesetz vom 17.10.2008 in der InsO in seiner jetzigen Fassung festgeschrieben. Rein rechnerisch überschuldete Unternehmen sollten während der damaligen Finanzmarktkrise der Insolvenzantragspflicht entgehen, sofern sie eine positive Fortführungsprognose nachweisen konnten. Ursprünglich war diese Überschuldungsdefinition bis zum 31.12.2010 befristet, wurde dann bis Ende 2013 verlängert und schließlich 2012 gänzlich entfristet, weil sie sich in der Praxis bewährt hat.

Im Kern ist für juristischen Personen und ihnen gleichgestellten Personenhandelsgesellschaften (z.B. GmbH & Co. KG) die Überschuldung weiterhin ein Insolvenzantragsgrund, da gem. § 15a InsO die Schuldnerin bei Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung spätestens drei Wochen nach Feststellung der Überschuldung einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zu stellen hat. Eine Überschuldung liegt vor, wenn bei Aufstellung des Jahresabschlusses zu konstatieren ist, dass das Vermögen des schuldnerischen Unternehmens die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr deckt. Der Gesetzgeber hat dies jedoch durch das o.g. Finanzmarktstabilisierungsgesetz insoweit eingeschränkt, dass der Antragsgrund Überschuldung dann und nur dann nicht besteht, wenn gleichzeitig die Fortführung des Unternehmens den Umständen nach überwiegend wahrscheinlich ist.

Haftungsrisiken für Steuerberater und Wirtschaftsprüfer (Hinweispflichten)
Steuerberater waren in der Vergangenheit bekanntlich nicht verpflichtet, ihre Mandanten im Rahmen eines allgemeinen Steuerberatungsmandats auf eine mögliche Insolvenzreife hinzuweisen. Bei einer handelsbilanziellen Überschuldung bestand damit grundsätzlich keine Hinweispflicht des Beraters gegenüber dem Geschäftsführer einer GmbH, eine Überprüfung der Insolvenzreife vorzunehmen. Eine Haftung des Steuerberaters für einen Verschleppungsschaden wegen eines unterlassenen Hinweises konnte danach nur eintreten, wenn er ausdrücklich mit der Prüfung der Insolvenzreife der GmbH beauftragt war oder aus eigenem Antrieb Erklärungen dazu abgab. Dies hatte der BGH im Jahre 2013 so entschieden (BGH v. 7. März 2013, IX ZR 64/12, Stbg. 2013, 278; BGH v. 6. Juni 2013, IX ZR 204/12, WM 2013, 1323; BGH v. 6. Februar 2014, IX ZR 53/13, WM 2014, 577). Allerdings ist der BGH bereits 2017, also nach knapp vier Jahren, davon wieder abgerückt und hat die Anforderungen an Steuerberater erheblich ausgeweitet mit der Folge, dass deren Haftungsrisiken sich spürbar erhöht haben (BGH v. 26. Januar 2017 – IX ZR 285/14, WM 2017, 383 und Stbg. 2017, 180).

Der BGH entschied, dass der mit der Erstellung eines Jahresabschlusses beauftragte Steuerberater prüfen müsse, ob auf der Grundlage der ihm vorliegenden Unterlagen und bekannten Umstände tatsächliche oder rechtliche Gegebenheiten existieren, die einer Fortführung der Unternehmens-tätigkeit entgegenstehen. Ist dies der Fall, dürften im Jahresabschluss nicht ohne weiteres die Fortführungswerte zugrunde gelegt werden. Weiterhin entschied der BGH, dass der Steuerberater seine Mandanten in diesem Zusammenhang auf einen potenziellen Insolvenzgrund und die daraus abgeleitete Prüfungspflicht des Geschäftsführers hinweisen muss, insbesondere, wenn die Annahme nahe liegt, dass diesem eine mögliche Insolvenzreife nicht bewusst ist.

Anforderungen an die Überschuldungs- bzw. Zahlungsfähigkeitsprüfung
Was heißt das für die Praxis der Beratung? Zunächst ist damit noch einmal klar gestellt, dass die handelsbilanzielle Überschuldung allein keine Insolvenzantragspflicht konstituiert. Doch führt dieser Umstand keineswegs zu einer Vereinfachung, sondern macht die Sachlage durchaus komplexer, weil die Lösung unter Umständen mehrstufig sein muss. Denn es ist nunmehr zunächst zu prüfen, ob die handelsbilanzielle Überschuldung tatsächlich auch eine Überschuldung im insolvenzrechtlichen Sinne darstellt. Wie soll diese Prüfung erfolgen?

Gemäß IDW S-11 ist eine Prüfung der möglichen Antragspflicht i. S. d. § 19 InsO in zwei Stufen vorzunehmen: (1) Erstellen einer Fortbestehensprognose. Ist diese positiv, besteht keine Antragspflicht nach § 19 InsO und der Jahresabschluss kann unter dem Fortführungsaspekt aufgestellt werden.

Ist diese negativ, muss (2) ein Überschuldungsstatus aufgestellt werden, mittels dessen zu prüfen ist, ob die Gesellschaft (noch) über positives Reinvermögen verfügt. Ist dies der Fall, liegt ggf. eine drohende Zahlungsunfähigkeit vor, was zumindest ein Insolvenzantragsrecht des schuldnerischen Unternehmens konstituiert. Die Erstellung des Überschuldungsstatus ist verhältnismäßig aufwendig, da bilanzielle Rechnungslegungsgrundsätze dabei keine Anwendung finden, sondern der Status im Wesentlichen von Ansatz- und Bewertungsspielräumen geprägt ist. Im Unterschied zur Handelsbilanz gelten handelsrechtliche Aktivierungsverbote im Überschuldungsstatus nicht, stille Reserven werden aufgedeckt, ausstehende Einlagen werden – sofern werthaltig – aktiviert, sonstige immaterielle Vermögenswerte – sofern veräußerbar – werden zu Verkehrswerten angesetzt usw.

Weist bei negativer Fortbestehensprognose gleichzeitig auch der Überschuldungsstatus ein negatives Reinvermögen aus, liegt definitiv eine Antragspflicht wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung vor.

Frühzeitige Prüfung ermöglicht Sanierung ggfs. durch ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung gem. § 270a InsO
Auch die Fortbestehensprognose ist keineswegs trivial, da sie nicht ohne weiteres aus der Buchhaltung zu entwickeln ist, denn sie ist im Kern eine Zahlungsfähigkeitsprognose. Sie prüft also den Finanzplan des Unternehmens und das Unternehmenskonzept daraufhin, ob das Unternehmen annahmegemäß in der Lage ist, im laufenden und folgenden Geschäftsjahr seine jeweils fälligen Verbindlichkeiten zu erfüllen, also die Aufrechterhaltung der Zahlungsfähigkeit überwiegend wahrscheinlich ist. Dabei müssen Umfang und Details der Fortbestehensprognose dem Stadium und dem Ausmaß der aktuell bestehenden Unternehmenskrise angemessen sein.

Das gesetzgeberische Ziel, durch die Präzisierung bzw. teilweise Neufassung des Überschuldungsbegriffs frühzeitige(re) Insolvenzanträge zu ermöglichen und somit Sanierungen unter dem Schutz der Insolvenzordnung zu fördern, ist durchaus sinnvoll. Allerdings dürften wir von diesem Ziel noch immer ein Stück weit entfernt sein, denn nach wie vor wird die überwiegende Mehrheit der Insolvenzanträge erst bei faktischer Zahlungsunfähigkeit, also in einem sehr späten Stadium der Unternehmenskrise gestellt. Eine gerichtliche Sanierung im Rahmen der InsO ist in diesen Fällen aufgrund des häufig bereits fortgeschrittenen Verzehrs der schuldnerischen Vermögenswerte erheblich erschwert. Trotz der neuen Sicht auf die insolvenzrechtliche Überschuldung wird der nunmehr geltende Überschuldungstatbestand nur dann eine rechtzeitige Sanierung ermöglichen, wenn auch der Schuldner dessen Funktion als Krisenfrüherkennungsinstrument begreift. In diesem Zusammenhang sei noch einmal daran erinnert, dass der vorsichtige Kaufmann bereits bei Verlust von 50 Prozent des Stammkapitals eine Überschuldungsprüfung vornehmen sollte. In diesem Fall ist er überdies gemäß § 49 Abs. 3 GmbHG dazu verpflichtet, unverzüglich eine Gesellschafterversammlung einzuberufen.

Fazit
Hier sind auch Steuerberater und Wirtschaftsprüfer mehr denn je gefordert! Denn eines ist – ungeachtet der jeweils aktuell gültigen Fassung des Überschuldungsbegriffes – unstrittig: Je früher mit der Sanierung begonnen wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Daher ist es auch immer empfehlenswert, bei der sachgerechten Prüfung der Insolvenzantragsgründe und möglicher Insolvenzreife i. S. d. §§ 17-19 InsO, erfahrene Experten hinzuzuziehen, um Sanierungsinstrumente und –möglichkeiten zu prüfen sowie Haftungsrisiken und Anfechtungsansprüche für die Berater zu minimieren.

Psychische Verfassung des Unternehmers in der Krise

Der Sanierer muss die Situation und die Verfassung des oder der Geschäftsführer / Inhaber in der Krise genau erkennen und einschätzen können. Tut er dies nicht, werden möglicherweise zwingende und zeitnahe Entscheidungen durch den Geschäftsführer / Inhaber nicht getroffen, weil er körperlich und seelisch nicht mehr dazu in der Lage ist. Folgende Punkte sind dabei vorrangig zu prüfen.

Belastung durch Gläubiger
Der Unternehmer bzw. Geschäftsführer eines in der Krise befindlichen Unternehmens hat eine enorme psychische Belastung durch die dauernden Beitreibungsversuche der Gläubiger auszuhalten.

Das Wissen darum, die fälligen Rechnungen nicht zahlen zu können und die Not, durch absichtliche Zahlungsversprechungen die Grundversorgung des Unternehmens aufrechterhalten zu müssen, bedeuten eine dauernde Anspannung. Der nach wie vor gerade im Mittelstand vorhandene Gedanke, seinen Lieferanten nichts schuldig bleiben zu wollen, führt in der Regel zu einer Vakuumsituation dadurch, dass gegen die eigenen ethischen und moralischen Grundvorstellungen gehandelt wird, wenn durch falsche Versprechungen die Lieferanten zur Lieferung bewegt werden.

Gerade bei langjährigen Beziehungen zwischen Geschäftsführer / Inhaber und Lieferanten kommt es dann zu einer doppelten Belastung, wenn der Unternehmer aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus seine Freundschaft zu dem Lieferanten bzw. seine Vertrauensposition ausnutzt, um das Unternehmen überleben zu lassen.

Die Verhandlung mit bzw. die Betreuung der Gläubiger muss zwingend sofort bei Übernahme der Sanierung von den Mitgliedern des Sanierungsteams übernommen werden, da unter Umständen auch persönliche Anfeindungen, Drohungen und Nötigungen als Folge der Nichtzahlung an den Unternehmer oder die Geschäftsführer herangetragen werden. Außerdem macht sich der Unternehmer / Geschäftsführer durch falsche Versprechen ggf. strafbar (Eingehungsbetrug gem. § 263 StGB).

Die Wirkung der Gläubigerbelastung darf nicht unterschätzt werden, da der Druck auf die Unternehmer / Geschäftsführer durch Überreaktionen, Übersprungverhalten oder auch Alkohol- bzw. Drogenmissbrauch auslösen kann.

Es ist sehr wichtig zu prüfen, ob Gläubiger aus Lieferungen und Leistungen durch die Nichtzahlung des in Sanierung befindlichen Unternehmens selber in Schwierigkeiten kommen und diese Schwierigkeiten der Unternehmensleitung / Geschäftsführung bekannt sind. Dies führt in der Regel dazu, dass eine noch größere Lähmung durch das Wissen, Unbeteiligte mit in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu bringen, auf den Entscheidern des krisenbehafteten Unternehmens liegt.

Existenzängste
Inhaber und geschäftsführende Gesellschafter von kleinen und mittelständischen Unternehmen haben in der Regel ihr gesamtes Privatvermögen in das Unternehmen investiert bzw. haften mit dem Privatvermögen für Bank- und Gläubigerverbindlichkeiten durch Bürgschaften und andere Sicherungsrechte.

Dies führt in wirtschaftlich schwierigen Unternehmenslagen zu direkten Existenzängsten und in vielen Fällen zu Trotz- und Überreaktionen.

Diese psychischen Zwänge engen den geistigen und körperlichen Aktionsradius der Betroffenen derart ein, dass normale und unternehmerisch richtige Entscheidungen in der Krise nicht mehr bzw. verspätet getroffen werden.

Durch diese Existenzängste werden auch immer mehr Personen aus dem engsten Freundes- und Bekanntenkreis in die Schwierigkeiten eingeweiht, da man nun nichts mehr falsch machen will, um hier nicht von dem Angstzustand in die Realität der Existenzvernichtung zu kommen.

Ein anderes Extrem ist die komplette Abschottung, d. h. der oder die Betroffenen weigern sich, über ihre Probleme zu reden.

In der Regel gibt es nur die Möglichkeit, dass eine außenstehende und nicht involvierte Person des Sanierungsteams sich auch um die Existenzängste der betroffenen Unternehmer bzw. involvierten Entscheider kümmert.

Die Angst etwas falsch zu machen und damit seine Existenz und die der Familie zu gefährden, führt auch dazu, dass betriebsnotwendige Entscheidungen nicht oder nur halbherzig getroffen werden.
Bei lebensbedrohender Existenzangst oder absoluter Handlungsunfähigkeit, empfiehlt es sich, mit den Beteiligten der Sanierungsteams psychologische Hilfe für den Unternehmer bzw. den Geschäftsführer zu suchen. In der Regel löst sich dieser Druck dann auf, wenn die Sanierung erste Fortschritte macht und dann überproportionale Hoffnung durch die Möglichkeit des Erhalts des Unternehmens aufkommt.

Mitarbeiterverantwortung
In Betrieben bis mittlerer Größenordnung findet sich erfahrungsgemäß eine sehr starke Bindung zwischen den Mitarbeitern und dem Unternehmer.

Bei einer Unternehmenskrise wird der Unternehmer stark dadurch belastet, dass er glaubt, der von ihm übernommenen Verantwortung für seine Mitarbeiter nicht mehr gerecht zu werden. Das Verantwortungsbewusstsein für Angehörige des Betriebes ist traditionell in Deutschland immer noch sehr groß und führt auch dazu, dass Unternehmer wirtschaftlich nicht tragbare Entscheidungen treffen.
Bei Mitarbeitern, die dem Unternehmen schon sehr lange angehören, und möglicherweise in einem nicht mehr vermittlungsfähigen Alter sind, ist die Belastung aus ethischen und moralischen Gründen besonders groß.

Sinnvolle Maßnahmen wie Lohnkürzungen, Lohnverzicht, Urlaubszeit- oder Arbeitszeitverkürzungen sind nicht nur unpopulär, sondern werden auch wegen des moralischen Anspruchs der Mitarbeiterverantwortung nicht angefasst, denn die Hürde hier betriebswirtschaftlich nötige Maßnahmen „auf Kosten“ der Mitarbeiter zu verabschieden und durchzusetzen, ist immer noch sehr groß.

Auswirkungen auf das Privatleben
Bei krisenbehafteten Unternehmen sind auch die Ehen oder Partnerschaften der Unternehmensverantwortlichen oft in der Krise und bestehen nur noch als „Zweckgemeinschaft“ weiter. Dies hat sicherlich zum einen die auch ins Privatleben getragene „wirtschaftliche Not“ als Grund, jedoch auch die sich mit Verstärkung der Krise verändernde Persönlichkeit der Beteiligten.

Neben einer möglichen privaten wirtschaftlichen Einschränkung drehen sich die Gedanken des Unternehmers auch in seinem Privatleben nur noch um die wirtschaftliche Existenz und damit scheint ein „normales“ Privatleben mit seiner Familie kaum noch möglich.

Vorzeitige Erbschaften, Schenkungen oder ähnliche Zuwendungen, die mit der Absicht gegeben worden sind, das Unternehmen aus der Krise heraus zu führen, werden dann zum Streitpunkt in der Familie, wenn keine Besserung zu sehen ist.

Angst vor gesellschaftlicher Ächtung
Neben den bereits erwähnten Punkten ist die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung in Deutschland sehr groß. Unternehmer glauben in der Gesellschaft nicht mehr bestehen zu können, wenn sie scheitern sollten. Diese Angst zwingt sie dazu, Entscheidungen zu treffen, die zur Erhaltung der gesellschaftlichen Stellung führen sollen, aber für die Sanierung und das Fortbestehen des Unternehmens kontraproduktiv sind. Maßgeblich für nicht getroffene, falsche oder vorschnell getroffene Entscheidungen ist auch die Angst vor der Herabstufung der privatwirtschaftlichen Vermögensverhältnisse durch Sanierungsmaßnahmen.

Die oft vorherrschende Meinung in Deutschland, dass ein in Insolvenz gegangener Unternehmer
a)    „Schwarzgeld“ oder sonstiges Vermögen beiseite geschafft hat oder
b)    er sich vorher schon durch ein Ausbluten des Unternehmens wirtschaftlich gesundet hat,
verstärkt die Angst der gesellschaftlichen Ächtung.

So führt die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung bei Unternehmern immer noch dazu, dass schon längst insolvente Unternehmen trotz strafrechtlicher Konsequenzen fortgeführt werden, damit der äußere Schein aufrecht erhalten bleibt.

 Checkliste für Krisengründe der Unternehmen / Unternehmer

Unzureichende fachspezifische Qualifikation
- Fehlendes kaufmännisches Wissen
- Ungenügende Branchenerfahrung/ Einseitig technisch ausgerichtete Unternehmensführung
- Wenig realitätsbezogene Planung

Probleme der Unternehmensführung
- Fehlende Stellvertreterregelung
- Hohe Fluktuation bei leitenden Angestellten
- Häufige Gesellschafterwechsel
- Persönliche Differenzen unter den Geschäftsführern/ Gesellschaftern
- Führungsschwäche
- Ungelöste Nachfolgeregelung

Persönliche Eigenschaften
- Unzuverlässigkeit
- Kontaktschwäche
- Unzureichende Einsatzfreude

Privater Lebensbereich
- Familiäre Probleme
- Scheidung
- Alkohol-/ Drogenabhängigkeit
- Spielsucht
- Kostspielige Hobbys
- Starkes außerberufliches Engagement
 
Physische Auswirkungen durch Krankheit
Die bereits genannte psychische Belastung erzeugt bei den Beteiligten oftmals Krankheiten. Sie dient dann sogar als Flucht vor der Realität und wird zum Teil in Verhandlungen und Gesprächen mit Gläubigern vorgeschoben. Üblicherweise wird erwartet, dass auf einen „kranken Unternehmer“ auch in einer schwierigen wirtschaftlichen Phase Rücksicht genommen wird.

Für die Mitglieder des Sanierungsteams ist es deshalb notwendig zu erkennen, ob eine wirkliche und schon vorher vorhandene Krankheit des Unternehmers / Geschäftsführers vorliegt oder ob hier die Krankheit als Alibifunktion genutzt wird, um sich vor den unpopulären Maßnahmen und Entscheidungen der Sanierung zu verstecken.

Burn-out
Eine in dieser Situation sehr häufige Krankheit ist das „Burn-out-Syndrom“. Hierbei ist von Seiten der Sanierer zu beachten, dass der Unternehmer / Geschäftsführer / Inhaber kaum noch in der Lage sein wird, vertretbare und nutzbare Aktivitäten im Sinne einer Gesundung des Unternehmens mit den Sanierern durchzuführen.

Es liegt ein Verdrängungsmechanismus vor, der gerade bei Unternehmern mittleren bis älteren Alters dazu führt, dass immer von der guten alten Zeit und der seinerzeit vorhandenen Aufbruchsstimmung gesprochen wird.

Der Unternehmer hat die Wirklichkeit total verdrängt und erzählt immer noch von früheren unternehmerisch erfolgreichen Phasen. Der Versuch, den Verdrängungsmechanismus durch Einflüsse aus der Realität zu neutralisieren führt meist dahin, dass der Betroffene mit Aggression und störrischem Verhalten auftritt.

Oft werden bei diesem Syndrom auch die Helfer als Gegner gesehen. Eine typische Reaktion auf den Verdrängungsmechanismus von Unternehmern / Geschäftsführern in krisenbehafteten Unternehmen ist auch die spontane Flucht in den Urlaub.

Von nicht wissenden Außenstehenden wird dieses Verhalten natürlich missbilligt und als „Unverschämtheit“ gesehen.

Suizidgefahr
Die bereits genannten Punkte können bei drohender Insolvenz und / oder Verlust des Unternehmens und des privaten Vermögens zur Suizidgefahr des Unternehmers / Geschäftsführers anwachsen. Der gemeinhin vertretene Gedanke, dass ein Selbstmord die Zahlung einer Lebensversicherung auslöst, um damit das wirtschaftliche Fiasko zumindest im privaten Bereich aufzufangen, ist weithin bekannt.

Der Freitod als Eingeständnis von Schuld und unternehmerischem Versagen wird als letzte Möglichkeit wahrgenommen, die Familie zu schützen und sich selbst nicht der vermeintlich schadenfrohen Öffentlichkeit auszusetzen.

Der oder die Sanierer müssen höchstes Fingerspitzengefühl beweisen und genau erkennen, wann hier fachkompetente Hilfe von außen gefordert werden muss.  Besteht akute, nicht nur als Hilfegesuch deklarierte Suizidgefahr, fällt der Unternehmer / Geschäftsführer für die weitere Sanierung auch auf dem Weg der Gesundung des Unternehmens völlig aus. Denn jeder neue Rückschlag innerhalb des Sanierungsweges kann bereits wieder für eine Erhöhung der Suizidgefahr sorgen.

Bei Anzeichen von Selbstmordgedanken müssen die Sanierungsbeteiligten schnell und zielgerichtet handeln und gegen die Absicht des Unternehmers / Geschäftsführers arbeiten bzw. handeln. Diese Verhaltensweisen sollten auch mit den anderen erfahrenen Kollegen ausgetauscht werden, damit hier kein Fehler verursacht wird. Ein Fehler oder ein falsches Wort kann möglicherweise in der Sanierungsphase den Verlust eines Menschenlebens bedeuten.

Krise durch (Frei-)Tod der Geschäftsführung
Leider gibt es auch die Fälle, in denen der Unternehmer / Geschäftsführer zum für ihn letzten Mittel greift: Suizid. Die Gründe, warum sich ein Unternehmer / Geschäftsführer durch den Freitod das Leben nimmt, sind vielfältig.

Meist besteht die Hoffnung, dass durch die Auszahlung von Lebensversicherungen die Familie vor einem weiteren finanziellen Schaden bewahrt werden kann. Die Sorge, der Familie und den engsten Verwandten nicht mehr den bisherigen und gewohnten Lebensstandard bieten zu können, weil das Unternehmen defizitär ist, ist ein weit verbreiteter Grund für Suizid. Dabei wird sogar häufig verkannt, dass Lebensversicherungen im nachweislichen Falle eines Suizids möglicherweise gar keine Versicherungssumme auszahlen werden.

Durch die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage kann sich der Unternehmer / Geschäftsführer bei einer möglichen, drohenden Insolvenz ein Leben „danach“ einfach nicht mehr vorstellen.
Banken, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer tun gut daran, auch in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten, sensibel mit den Kunden bzw. Mandaten umzugehen.

Bei dem klassischen Unternehmer, der sein Unternehmen gegen alle Widrigkeiten in der Vergangenheit aufgebaut hat und nunmehr die Welt nicht mehr versteht, weil durch bestimmte Anforderungen an die Kreditvergabe eine weitere Zwischenfinanzierung unmöglich ist, werden relativ rasch in auswegloser Situation entsprechende Zeichen signalisiert.

Hier sind die Verfahrensbeteiligten in einer Sanierung bzw. bei einer beginnenden Restrukturierung dringend gefordert, neben allen betriebswirtschaftlichen und juristischen Maßnahmen auch die emotionale Seite des Unternehmers / Geschäftsführers zu sehen und zu verstehen.

Leider ist oftmals diese Sensibilität nicht vorhanden, vor allem glaubt man selbst als Verfahrensbeteiligter nicht, dass hier ein Mensch den „Mut“ aufbringen wird, sich tatsächlich das Leben zu nehmen.

Der Unterschied zwischen Inventur, Inventarisierung und Gutachten

Es muss in der Praxis genau zwischen den Begriffen Inventur, Inventarisierung und Gutachten getrennt und die Definition beachtet werden:

Inventur

Quantitative und qualitative Überprüfung von Warenbeständen mit Prüfung auf „Verfall, Marktgängigkeit, Verkaufsmöglichkeit und gesetzlichen und regulativen Produktbedingungen“.

Bei einem normalen Geschäftsgang wird die Inventur in der Regel durch Angehörige des Unternehmens erledigt, teilweise aber auch durch externe Dienstleister. Prüfung der Inventur hinsichtlich der Quantität und möglicher Abschreibungsblöcke finden intern durch vorgegebene Mitarbeiter statt und / oder aber durch den Steuerberater und regelmäßig bei mittelständischen Unternehmen durch den Wirtschaftsprüfer im Rahmen der Bestände, Prüfung und Bewertung.

Bei der Inventur wird nur der reine Lagerbestand erfasst inkl. halbfertiger Arbeiten und / oder in Produktion befindlicher Bestände.

Inventarisierung

Inventarisierung bedeutet, dass das Maschinen- und Anlagevermögen, die Büro- und Geschäftsausstattung und bewegliches Anlagevermögen, wie Fahrzeuge, Flurförderfahrzeuge und alle Hilfsmittel, die mit Be- und Entladen zu tun haben,

- körperlich erfasst
- nach Zerschlagungswert und / oder Fortführungswert bewertet
- und die Eigentumsverhältnisse klar darstellt werden.

Eine Inventarisierung bedeutet nur, dass der Unternehmer z. B. im Rahmen einer Unternehmensbewertung und / oder einem Nachweis seiner Sicherheiten bei der Bank einen entsprechenden Wert erhält, den er dann an seine Finanzierungspartner weitergeben kann.

Gutachten

Bei dem Gutachten erfolgt in der Regel eine komplette Inventur mit Einschätzung der Marktfähigkeit bei Zerschlagung bzw. Fortführung und eine entsprechende Inventarisierung – wie oben bereits beschrieben – jedoch dann mit noch mal genau überprüften Werten, die absolut marktgängig sein müssen und von Dritten jederzeit überprüfbar sind.

In der Regel werden Gutachten von Insolvenzverwaltern, Banken und / oder Leasinggesellschaften und sonstigen Sicherungsgläubigern verlangt bzw. bei Unternehmenssanierungen werden Gutachten angefordert, wenn es um die Sicherheitenbereitstellung der Lieferanten geht, die in der Krise weiter das in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckende Unternehmen beliefern wollen.



Interessenkonflikte bei eigenverwalteten Insolvenzverfahren

Bei der Vorbereitung und Durchführung von eigenverwalteten Insolvenzverfahren werden häufig Ziele definiert, die zum Zeitpunkt der Verfahrensbeantragung auch erreicht werden sollten. Groß ist dann die Enttäuschung, wenn sich diese Ziele im Rahmen des eigenverwalteten Insolvenzverfahrens (§ 270a InsO) als nicht umsetzbar herausstellen. Dies führt dann dazu, dass Geschäftsleitung oder Inhaber dem Gericht mitteilen müssen, dass die Eigenverwaltung zurückgenommen wird und das Verfahren in ein Regelinsolvenzverfahren überführt werden muss. Zurückzuführen ist das darauf, dass möglichweise im Vorfeld bestimmte Handlungsweisen der Kunden oder Lieferanten bzw. des Personals nicht oder nicht deutlich genug vorausgesehen werden konnten, so dass Entwicklungen eintreten, die eine Weiterführung des eigenverwalteten Verfahrens – allein aufgrund der Vorgaben des Gesetzgebers – nicht mehr möglich machen.

Eine tiefe und ehrliche Analyse im Vorfeld schafft in der Regel Klarheit

Zur qualifizierten Vorbereitung einer Eigenverwaltung gehört selbstverständlich auch eine gründliche Untersuchung der unternehmerischen Situation. Ausgehend von einer solchen Stärken–Schwächen- bzw. Chancen–Risiken-Analyse kann sich der außenstehende Berater, der mit der Bearbeitung des eigenverwalteten Verfahrens beauftragt wird, mit der tatsächlichen unternehmerischen Situation und der Zukunftsfähigkeit des Betriebes auseinandersetzen.

Dazu zählt aber auch, dass Aussagen der Geschäftsleitung / der Inhaberschaft bezüglich der zur Insolvenz führenden Fehler – sehr genau – geprüft werden müssen. Große Bedeutung hat auch die vorgelegte Buchhaltung und die Aufbereitung der Unterlagen für einen präzisen und für eine Eigenverwaltung notwendigen detaillierten Insolvenzantrag. Werden schon im Vorfeld Versäumnisse hinsichtlich ordnungsgemäßer Buchhaltung und / oder der Pflichtverletzung bei Vorlage von handelsrechtlichen oder steuerlichen Jahresabschlüssen deutlich, spricht dies eben nicht für die Möglichkeit einer Eigenverwaltung.

Zwar können bei einem ordnungsgemäßen und gerichtskonformen Antrag bestimmte Versäumnisse vernachlässigt werden, doch treten diese in der Regel mindestens im vorläufigen Verfahren wieder als Problem auf.

Deshalb hat auch die Vor- bzw. Aufbereitung der Antragsunterlagen eine große Bedeutung dahingehend, wie dann später das eigenverwaltete Insolvenzverfahren organisatorisch, strukturell und administrativ abläuft.
Zur qualifizierten Vorbereitung einer Eigenverwaltung zählen selbstverständlich auch die Erstellung einer insolvenzspezifischen Liquiditätsplanung sowie die Vergleichsrechnung zwischen den Kosten eines Regelinsolvenzverfahrens  und eines Verfahrens in Eigenverwaltung und ein Kurzkonzept, wie mit der Sanierung in der Eigenverwaltung umgegangen werden soll.

Häufig kommt es auch darauf an, dass von der Geschäftsleitung /Inhaberschaft im Vorfeld erahnt bzw. ermittelt wird, wie die verfahrensbeteiligten Gläubiger und Kunden wohl auf den Insolvenzantrag – auch wenn das Verfahren in Eigenverwaltung eröffnet wird – reagieren. Es ist deshalb wichtig, parallel zum Vertragsprozedere auch ein Kommunikationskonzept zu entwickeln, was sofort nach Vorlage des Gerichtsbeschlusses auf Eigenverwaltung umgesetzt werden muss.

Häufig kommt es darauf an, dass sofort im Rahmen der Sanierungsmaßnahmen im Verfahren Geschäftsbereiche direkt auf Rentabilität und Produktivität geprüft werden bzw. neue Geschäftsbereiche (im Vorfeld schon vorbereitet) aufgenommen bzw. entwickelt werden, um dann zumindest kostendeckend aus dem vorläufigen Verfahren in das geregelte eigenverwaltete Verfahren (nach drei Monaten) zu gelangen.
Entscheidend für den Erfolg ist nicht selten auch die Auswahl des Sanierungsberaters bzw. des Sonderbevollmächtigten der Geschäftsleitung, der im Zweifel auch unpopuläre Maßnahmen umsetzen muss – möglicherweise sogar gegen die ihn beauftragte Geschäftsleitung! Sollte ein Gläubigerausschuss eingesetzt werden, ist dies nicht ungewöhnlich.

Der Sanierungsberater bzw. der Sonderbevollmächtigte der Geschäftsleitung muss belastbare Erfahrungen in allen relevanten Bereichen der Unternehmenssanierung bzw. in Insolvenzverfahren haben. Empathie, rhetorisches Talent sowie Verhandlungsgeschick und Durchsetzungsvermögen muss ebenso selbstverständlich sein, wie Phantasie, Kreativität und Organisationstalent. Qualifizierte Sanierungsberater / Sonderbevollmächtigte werden sich vorab mit möglichen Interessenkonflikten auseinandersetzen, so zum Beispiel mit der Problematik des „Dual Track Verfahrens“. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass die höchstmögliche Quote für die Gläubiger erzielt werden soll, das heißt, es kann auch bedeuten, dass er – gegen den ursprünglichen Auftrag der Geschäftsleitung bzw. der Gesellschafter – mit Investoren verhandeln muss, obwohl der ursprüngliche Plan der Erhalt des Rechtsträgers im Rahmen der Annahme eines Insolvenzplanes war.

Hier gilt es, möglicherweise die beiden Enden „Übernahme durch Investoren“ und „Erhalt des Unternehmens durch Insolvenzplan“ zu verknüpfen.

Regelmäßig gibt es die Problematik, dass die großen Sicherungsgläubiger (Banken, Sparkassen und andere Sicherungsgläubiger) eher den „bequemen Weg“ der übertragenen Sanierung – auch im Nachgang – wollen, weil man dies in der Vergangenheit immer so gemacht hat.

Die dadurch entstehenden Konflikte gilt es zu beheben bzw. auszugleichen, was häufig einen großen Bereich der erfolgreichen Eigenverwaltung ausmacht. Interessenkonflikte gibt es im Wesentlichen in den Bereichen:

Quote

Die Gläubiger streben naturgemäß eine möglichst hohe Quote an. Diese wird oft genug durch eine zu optimistische Geschäftsplanung unterstützt. Die Quote wird in der Regel vom Management bzw. dem Sonderbevollmächtigten der Geschäftsleitung erarbeitet und während des Verfahrens angepasst und muss auch gegenüber den (Sicherungs-)Gläubigern regelmäßig präsentiert werden. Dem Sonderbevollmächtigten der Geschäftsleitung / dem Sanierungsberater ist durchaus bewusst, dass das Unternehmen – wenn es um das Erreichen einer Quote aus zukünftigen Gewinnen geht – dies auch erzielen muss. Deshalb neigt das Management bzw. die Geschäftsleitung von insolventen Unternehmen gern auch dazu, die Quote möglichst niedrig vorzugeben. Im Regelfall werden nur konservative Planungen – angelehnt an bisherige Erfahrungen – für eine Akzeptanz einer realistischen Quote sorgen. Folgt das (dann noch) eingesetzte Management – die Geschäftsleitung – nur den eigenen Interessen, wird die Wahrscheinlichkeit einer Änderung der Verfahrensart immer größer. Dadurch wird natürlich die ursprüngliche Zielerreichung einer Sanierung des bisherigen Rechtsträgers schwierig.

Sicherungsgläubiger

Sicherungsgläubiger bevorzugen in der Regel – zum Teil aus Gründen der Vergangenheit und wider besseren Wissens – den kompletten Verkauf der Assets. Das Management bzw. die Gesellschafter sind eben meistens nicht daran interessiert, einen Asset Deal mitzutragen, sondern stehen aus durchaus nachvollziehbaren Gründen hinter der Idee, den Rechtsträger und das bestehende Unternehmen durch Erlass zu sanieren.

Die Interessen der Sicherungsgläubiger – unter Betrachtung der Interessen der Geschäftsleitung / der Gesellschafter und unter Berücksichtigung der Interessen der einfachen Insolvenzgläubiger – gilt es deshalb im Vorfeld schon zu prüfen und miteinander zu verknüpfen.

Fachliche Kompetenz

Bestehende Geschäftsführer oder Inhaber neigen auch gern dazu, sich für überaus kompetent zu halten. Gläubiger sehen das naturgemäß anders und weisen auf Fehler hin, die bereits zu dem (eigenverwalteten) Insolvenzverfahren geführt haben. Gläubigerausschuss und Sanierungsberater / Sonderbevollmächtigte der Geschäftsleitung sind gut beraten, bei Störungen im Rahmen der Geschäftsleitung im eigenverwalteten Verfahren Korrekturen durchzuführen. So sind zum Teil auch verkrustete Management- und Führungsstrukturen zu prüfen und aufzubrechen. Auch die Arbeitsplatzbelegung und möglicherweise diverse Standorte müssen mindestens bis zur mittleren Entscheidungsebene schon im vorläufigen Verfahren geprüft und gegebenenfalls angepasst werden.

Verfahrensabschluss

Nicht nur die Geschäftsleitung / die Inhaber sind an einem schnellen Abschluss des Insolvenzverfahrens interessiert, sondern meist auch die Gläubiger, die vor, während und danach weiter als Lieferanten beauftragt werden. Das Management / die Geschäftsführung kann durchaus Interesse an einem Status Quo, dem Beibehalten des laufenden eröffneten Insolvenzverfahrens haben. Denn in dem Moment, in dem der Insolvenzplan angenommen wird, ist auch die Verpflichtung da, möglicherweise aus zukünftigen Gewinnen die Quote zu erwirtschaften. Das erhöht natürlich – trotz Aufhebung des Insolvenzverfahrens – den Druck auf die Geschäftsleitung. Bei sehr vielen eigenverwalteten Insolvenzverfahren wird dann auch ein derartiger Interessenkonflikt erkennbar. Schnelle Abschlüsse von eigenverwalteten Insolvenzverfahren mit Insolvenzplan werden dadurch verhindert, dass zum Beispiel Gläubigerauflagen von dem dann weiter tätigen Management nicht oder nur zum Teil umgesetzt werden würden.

Um derartige Interessenkonflikte in der Zukunft zu vermeiden, gilt es gelegentlich auch den Gläubigerausschuss über längere Zeit zu erhalten, so dass dieser direkten Einfluss auf das Geschehen nach Annahme des Plans und im Rahmen der Umsetzung des Insolvenzplans nehmen kann.

Für den erfolgreichen Abschluss und die erfolgreiche Annahme eines Insolvenzplanes und der innerbetrieblichen Umsetzung können durchaus auch Mitarbeiter bzw. Manager oder auch Führungspersonen bei besonderen Bemühungen Sondervergütungen erhalten, sofern sie im Vorfeld mit einem tätigen Gläubigerausschuss abgestimmt wurden.

Bei kleineren Unternehmen ist es auch denkbar, dass gewerbliche Mitarbeiter besonders entlohnt werden, wenn sie für das Verfahren und für die kurzfristige Umsetzung bei zusätzlicher Leistung tätig sind.

Kosten

Entgegen der früheren Meinung, dass eigenverwaltete Insolvenzverfahren deutlich günstiger wären als Regelinsolvenzverfahren, muss heute konstatiert werden, dass dies nicht immer so ist. Diverse Gerichte erwarten daher im Vorfeld eines eigenverwalteten Insolvenzverfahrens, dass mit Antrag auch eine Vergleichsrechnung (§ 270a InsO versus § 21 InsO) vorgelegt wird. Die Erfahrung zeigt, dass beide Verfahren ähnliche Kosten verursachen und damit hier ein bedachter Vorteil der Eigenverwaltung nicht umsetzbar erscheint. Die Kosten sollten bei jeder Eigenverwaltung im Vorfeld ermittelt werden. Ist der Sonderbevollmächtigte der Geschäftsleitung oder Sanierungsberater ebenfalls in der Insolvenzverwaltung tätig, sollte es unproblematisch sein, die meist auf Stundenbasis basierende Tätigkeit der Eigenverwaltung gegenüber einer Vergütung eines Regelinsolvenzverfahrens nach InsVV zu stellen.

Auch ergeben sich bei erfahrenen Sonderbevollmächtigten in Zusammenarbeit mit dem Sachwalter Gelegenheiten, bestimmte Arbeiten so abzustimmen, so dass sie wirtschaftlich sinnvoll aber nicht überbordend sind. Letztendlich hat auch der Gläubigerausschuss ein maßgebliches Interesse daran, dass zwar die Sanierung durch die Eigenverwaltung an sich erfolgreich ist, aber auf der anderen Seite die Kosten eines solchen Verfahrens nicht ins Uferlose gehen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass nach Insolvenzantrag und Vorlage des Gerichtsbeschlusses die Geldflüsse, die durch den Schuldner (mit Kassenführungsrecht)vorgenommen werden, mit dem Bewusstsein ausgeführt werden, dass es sich nicht mehr um „eigenes Geld“ handelt. Bei der Planrechnung sind im Vorfeld der Eigenverwaltung folgende Verfahrenskosten zu berücksichtigen:
Kosten für den Sonderbevollmächtigten der Geschäftsleitung, Kosten des Sachwalters, Kosten der Verwertungsgesellschaft, Kosten für Steuerberatung für insolvenzrechtliche Rechnungslegung (bei konstituiertem Gläubigerausschuss), Kosten des Gläubigerausschusses, Kosten der Vermögensschadenhaftpflichtversicherung für den Gläubigerausschuss, Kosten für die Kassenprüfung des Gläubigerausschusses, Kosten für Dienstleistungen mit und um die Insolvenzgeldvorfinanzierung und weitere insolvenzspezifische Kosten.

Erfahrene Dienstleister im Insolvenzbereich können durchaus im Vorfeld grobe Kalkulationen vorgeben, welche Kosten auf das insolvente Unternehmen am Ende zukommen, damit ein eigenverwaltetes Insolvenzverfahren mit Planannahme umgesetzt werden kann.

Interessenlage von Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern

Steuerberater legen naturgemäß Wert darauf, dass ihre Mandantenbeziehungen möglichst langfristig bestehen. Aus vorhandenen Mandaten können voraussichtliche Honorareinnahmen kalkuliert werden. In der Vergangenheit haben die steuerlichen Berater immer gewusst, dass wenn es zu einem Regelinsolvenzverfahren kommt, dann von außen Investoren im Rahmen eines „Asset-Deals“ das Unternehmen bzw. Teile des Unternehmens übernommen haben und das Dauermandat an den Steuerberater des Käufers verloren ging. Auch alle bis dahin durchaus zielführenden Arbeiten und steuerlichen Strategien waren mit dem Regelinsolvenzverfahren obsolet. Gerade bei einem Verkauf des Unternehmens aus der Insolvenz wurde oft unterstellt, dass der bisher tätige Steuerberater möglicherweise von der Krise des Unternehmens frühzeitig wusste und vielleicht nicht konsequent genug – im Rahmen seiner Möglichkeiten – dagegen gesteuert hat.

Auch wird oft von Käuferseite bei Asset-Deals unterstellt, dass die Nähe des bisher tätigen Steuerberaters zu dem Geschäftsführer / Inhaber des krisenbehaften und später insolventen Unternehmens auch dafür Sorge getragen hat, dass unpopuläre Maßnahmen möglicherweise nicht oder nicht richtig angesprochen bzw. umgesetzt worden sind.

Im Rahmen der Eigenverwaltung bleiben letztendlich die Buchhaltung und sämtliche Tätigkeiten, die zum Abschluss der handelsrechtlichen und steuerrechtlichen Bilanzen führen, insoweit bei dem bisherigen Steuerberater / Wirtschaftsprüfer, so lange die Verfahrensbeteiligten (Sachwalter und Gläubigerausschuss) keine Einwände haben. Sollte es allerdings im Rahmen des Verfahrens zu Erkenntnissen kommen, dass hier in der Vergangenheit der Steuerberater / Wirtschaftsprüfer im Rahmen seiner Tätigkeit „bösgläubig“ war und / oder beraterische Hinweise gegeben hat, die im Rahmen des Insolvenzverfahrens zu Anfechtungstatbeständen führen, ist auch hier der normale Gang der Anfechtungsproblematik zu beachten.

Die Praxis sieht üblicherweise so aus, dass Steuerberater / Wirtschaftsprüfer und Geschäftsführung / Inhaber eine solide strategische Einheit bilden und diese auch in den eigenverwalteten Verfahren eine positive Wirkung hat. Neben der Inanspruchnahme des Steuerberaters bei laufenden handelsrechtlichen und steuerrechtlichen Angelegenheiten, wird in der Eigenverwaltung im Zuge der Erstellung der insolvenzrechtlichen Buchhaltung ein weiterer Steuerberater – spezialisiert auf dieses Thema – hinzugezogen.

Steuerberaterverträge und entsprechende Vereinbarungen laufen bei Insolvenzverfahren gem. § 270a InsO störungsfrei weiter, soweit sie nicht vom Gläubigerausschuss im Rahmen des eröffneten Verfahrens aufgrund von Kosten oder anderen wichtigen Gründen gekündigt werden. Sind in der Vergangenheit Vereinbarungen dahingehend getroffen worden, dass Vorschusszahlungen auf das Honorar für die Erstellung des Jahresabschlusses bezahlt wurden, werden gerade diese Laufzeitregelungen sowie entsprechende Entgeltregelungen vom Gläubigerausschuss und von dem Sachwalter und Eigenverwalter akzeptiert, wenn die Gebühren, bezogen auf die Komplexität der Tätigkeit, angemessen erscheinen.

Eigenverwaltete Verfahren haben den Vorteil, dass auch Steuerberater / Wirtschaftsprüfer aufgrund von Honorarumsätzen interessengetrieben sind und damit das Engagement und der Einsatz dann entsprechend mit dazu beiträgt, dass am Ende erfolgreich ein Insolvenzplan umgesetzt werden kann.

Nicht selten sind Steuerberater und Wirtschaftsprüfer die ersten, die mit Signalwirkung erklären, dass sie mit einer durchaus „commoden“ Quote einverstanden wären, wenn denn dafür das Unternehmen erhalten bleibt und damit ihr Dauermandat weiterbesteht.

Gründe für das Scheitern von eigenverwalteten Verfahren

Ohne ausführlich auf verfahrensindividuelle Schwierigkeiten einzugehen, wie zum Beispiel das unterschiedliche und oft unkalkulierbare Verhalten der Gerichte, die Schwierigkeit sach- und fachverständige Sachwalter von den Gerichten zugewiesen zu bekommen, so wie das zum Teil nicht kalkulierbare Verhalten von Kunden und Lieferanten, gibt es eine Fülle an immer wieder auftretenden Problemfeldern:

•    Unzufriedene und unsichere Mitarbeiter
•    Unzuverlässiges Rechnungswesen
•    Unüberwindbare produktionstechnische Schwierigkeiten
•    Schwierige arbeitsrechtliche Situationen
•    Investitionsstau
•    Risiken bei gewerblichen Schutzrechten
•    Imageprobleme
•    Fehlende oder auslaufende öffentlich–rechtliche Genehmigungen und Erlaubnisse
•    Auslaufende oder veraltete Produktgruppen
•    Umweltbelastungen /(Boden-)Verunreinigungen – Altlast
•    Persönlich motiviertes „Störfeuer“ durch Dritte

Die sonst üblichen Schwierigkeiten, die im Rahmen eines Insolvenzverfahrens auftreten, sind sowohl bei Regelinsolvenzverfahren als auch bei eigenverwalteten Verfahren gleich.

Fazit

Viele inhabergeführte bzw. familiengeführte klein- und mittelständische Unternehmen haben nach wie vor Angst davor, durch ein Insolvenzverfahren „enteignet“ zu werden. Das Argument, dass im Rahmen des eigenverwalteten Verfahrens eine gewisse selbstbestimmte Möglichkeit zur Gestaltung und Erhaltung des Rechtsträgers und damit auch der Gesellschafterstrukturen möglich ist, lässt tatsächlich einen zumindest früheren Zeitpunkt der Insolvenzantragsstellung durch die Verantwortlichen zu. War in der Vergangenheit die Angst vor dem alles zerschlagenden und versteigernden Regelinsolvenzverwalter sehr groß, haben die zahlreichen großen und presseträchtigen Eigenverwaltungsverfahren zu einem ersten Umdenken geführt. Auch sorgen die Mitglieder der steuerberatenden und wirtschaftsprüfenden Berufe dafür, dass die deutlichen Vorteile einer Eigenverwaltung bei den Gesellschaftern und Geschäftsführern sowie Inhabern kommuniziert werden.

Schwierig ist nach wie vor die Akzeptanz der Eigenverwaltung bei den Banken und Sparkassen. Hier kommt es tatsächlich darauf an, ob die handelnden Personen sich mit dem Thema bereits auseinandergesetzt haben oder sogar über (positive) Erfahrung verfügen. So ist das Engagement der zuständigen Bankmitarbeiter bei der Teilnahme an Gläubigerausschüssen noch eher verhalten.

Bei der Beantragung eines eigenverwalteten Verfahrens gilt also, unter Berücksichtigung aller beschriebenen Probleme, dass im Vorfeld geprüft werden muss, ob eine Eigenverwaltung sachlich, fachlich und inhaltlich gegenüber Gerichten, Gläubigern und Verfahrensbeteiligten begründet und kompromisslos vorgetragen werden kann.

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